Nachhaltig bauen im globalen Kontext - Ein Gespräch mit Ivan Rališ

Unsere Projektarbeit bringt uns auf unterschiedlichsten Wegen mit Menschen und Organisationen zusammen, die wie wir, ähnliche Ansätze verfolgen, vor den gleichen Herausforderungen stehen oder die nach neuen, wirksamen und innovativen Lösungsansätze suchen. Ein ehrlicher Erfahrungsaustausch, gegenseitige Erfahrungsberichte und das Teilen von Wissen eröffnet dabei oftmals völlig neue Denkweisen, Handlungsoptionen und nachhaltige Lösungsansätze. Mit der Organisation We-Building e.V. verbindet uns ein solch wertvoller Austausch im Bereich des nachhaltigen Bauens.

Das Team von We.Buiding e.V.

We-Building e.V. ist ein Zusammenschluss von internationalen Architekt*innen mit Sitz in Berlin. Zum einen unterstützt der Verein entwicklungspolitische Organisationen bei der Planung und Umsetzung von verschiedenen Baumaßnahmen im Globalen Süden. In den vergangenen Jahren hat der Verein mit lokalen Partnern Bildungseinrichtungen in Ghana, Malawi, Kolumbien, Haiti und Peru gebaut. Basierend auf diesen Erfahrungen verfolgen die Architekt*innen nachhaltige Ansätze für die Planung und Umsetzung. Zum anderen engagiert sich We-Building in der Bildungsarbeit in Deutschland. Mit Workshops und Vorträgen an Berliner Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen macht der Verein sichtbar, welche Rolle der Bausektor für Klimawandel und globale Ungleichheiten spielt. Dabei wird gezeigt, wie nachhaltiges und gerechtes Bauen zu einer sozial, ökologisch und ökonomisch gerechteren Zukunft beitragen kann.

Mit dem Projekt edu-building richtet We-Building den Blick besonders auf Bauprojekte in der Entwicklungszusammenarbeit. Da die Inhalte der E-Learning-Plattform in mehrere Sprachen übersetzt wurden, soll sie auch den Austausch zwischen Partner*innen aus Nord und Süd fördern und einen gemeinsamen Dialog über nachhaltiges und gerechtes Bauen anstoßen. Auch wir als Caritas Auslandshilfe sind mit unserem Bauprojekt „Nina Huasi“ in Ecuador auf dieser Plattform vertreten.

Wir haben Dipl.-Ing. Architekt und Co-founder Ivan Ralis zum Interview gebeten und ihn gefragt vor welchen Herausforderungen der Bausektor in den nächsten Jahren stehen wird und wie es gelingen kann CO2 Emissionen zukünftig zu reduzieren:


Ivan wie glaubst du, kann die enorme Nachfrage an Neubauten im Globalen Süden in den nächsten Jahrzehnten gedeckt werden? Was können wir aus Europa dazu beitragen?

Neben den offensichtlichen Herausforderungen – also der Frage, wie der nahezu unbegrenzte Bedarf an neuen Gebäuden, besonders in Afrika, mit den begrenzten verfügbaren Ressourcen wie Sand, Kies und Wasser vereinbar ist, und welche enormen CO₂-Emissionen durch diese Bauvolumen entstehen würden – gibt es noch ein weiteres Thema, das selten angesprochen wird: den Mangel an Fachkräften.

Die Zahl der registrierten Architekt*innen und Ingenieur*innen ist kaum vergleichbar. In Uganda gab es zum Beispiel bei einer Bevölkerung von rund 50 Millionen Menschen nur wenige hundert registrierte Architekt*innen. Das entspricht ungefähr einem Verhältnis von 1 zu 150.000. Österreich hat dagegen etwa 6.000 registrierte Architekt*innen bei rund 9 Millionen Einwohner*innen, also etwa 1 zu 1.500. In Deutschland liegt das Verhältnis ungefähr bei 1 zu 600, in Italien sogar bei etwa 1 zu 400.

Man könnte die Frage also auch umdrehen: Nicht nur, wie all diese Gebäude gebaut werden sollen, sondern auch, wer sie planen und die Umsetzung koordinieren soll.

So wie Arbeitsmärkte normalerweise funktionieren, ob aus freier Entscheidung oder aus Notwendigkeit, würde ich sagen, dass Europa vor allem durch seinen Überschuss an universitär ausgebildeten Fachkräften unterstützen kann. Woher jedoch der benötigte Kies und Sand kommen sollen, bleibt weiterhin offen.


Wie kann es gelingen, langfristig die CO2 Emissionen im Bausektor zu reduzieren? 

Ich denke, die Antwort liegt darin, alle verfügbaren Möglichkeiten zu nutzen – je nach Land, Projekt und lokalem Kontext. Es gibt nicht die eine Lösung. Es wird immer eine Kombination aus vielen Ansätzen brauchen. Beton wird nicht so schnell verschwinden, da er zumindest für Fundamente und unterirdische Bauteile weiterhin das wichtigste Material bleiben wird.

Es gibt verschiedene gute alternative Möglichkeiten. Wenn man über verschiedene Länder des Globalen Südens spricht, sind hier vor allem Lehmbau und Bambusbau wichtig. Natürlich gibt es auch hier viele Herausforderungen. Entscheidend ist aber, diese Materialien dort einzusetzen, wo ihre Stärken die Schwächen oder rechtlichen Hürden überwiegen. Oft ist es auch sinnvoll, sie mit anderen Materialien zu kombinieren, wenn dadurch bessere Lösungen entstehen.

Bambus eignet sich zum Beispiel besonders gut für die tragende Konstruktion eingeschossiger Wohngebäude. Das ist besonders relevant, weil weltweit ein sehr großer Bedarf an neuem Wohnraum besteht. Die Vorteile sind dabei doppelt: Bambus kann den Einsatz von Beton oder Holz reduzieren und zugleich als besonders wirksame CO₂-Senke dienen, da er im Vergleich zu Holz deutlich schneller wächst und sich schneller regeneriert. Wenn ausreichend dauerhafte Anwendungen für Bambusprodukte gefunden werden, könnte Bambus deshalb ein besonders geeignetes Baumaterial sein.
Lehmbau wiederum kann Transportkosten senken und das Bauen an schwer erreichbaren Orten erleichtern. Bei verschiedenen Lehmbauweisen wäre die einfachste und nachhaltigste Lösung oft der ungebrannte Lehmziegel ohne Stabilisierung durch Zement. Solche Ziegel lassen sich vergleichsweise leicht herstellen und auch von weniger qualifizierten Arbeitskräften verarbeiten. All das funktioniert jedoch nur mit guter Planung und ausreichendem Schutz vor Regen. Es ist stark vom jeweiligen Projekt und Kontext abhängig.

Alternativen Ansätze müssen den Sprung in den Mainstream schaffen.

Manchmal sind diese Techniken eine sehr gute Lösung, manchmal können sie aber auch genau das Gegenteil bewirken. Deshalb muss man sehr sorgfältig abwägen. Letztlich liegt die eigentliche langfristige Lösung darin, dass einige dieser alternativen Ansätze den Sprung in den Mainstream schaffen. Angesichts der enormen Bautätigkeit, die in den nächsten Jahrzehnten wahrscheinlich stattfinden wird, müssen solche Lösungen zu anerkannten Industriestandards werden, die in größerem Maßstab umgesetzt werden können. Dafür braucht es Standardisierung, damit sie einfach anwendbar sind und auch größere Bauunternehmen daraus Produkte entwickeln können, mit denen sie Gewinn machen. Erst dann entsteht ein echter wirtschaftlicher Anreiz, den gesamten Bausektor zu verändern.

Hier kommen wir wieder zur Rolle des Globalen Nordens und Europas. Die große Zahl an Universitäten und Fachleuten kann und sollte dazu beitragen, neue Bauweisen zu erforschen und weiterzuentwickeln, die den Einsatz von Ressourcen optimieren oder ganz neue Lösungen und Materialien möglich machen.


Ivan Rališ

Ivan Rališ